16. Philosophicum Lech: Eugen Drewermann fordert „neue Ethik im Umgang mit Tieren“

Schon der Auftakt des 16. Philosophicums in Lech am Arlberg bot eine ganze Reihe hochkarätiger Referate und Diskussionen zum diesjährigen Generalthema „Tiere. Der Mensch und seine Natur.“ Bundesminister Karlheinz Töchterle, Vorarlbergs Landeshauptmann Markus Wallner sowie Philosoph und Gastgeber Konrad Paul Liessmann eröffneten das interdisziplinäre Symposium, bei dem sich von 19. bis 23. September 2012 führende Denker zum Meinungsaustausch treffen. Der unumstrittene Höhepunkt am Donnerstag war die berührende Rede des Theologen und Psychotherapeuten Eugen Drewermann. Sein eindringlicher Appell zu einer neuen Ethik im Umgang mit Tieren, hinterließ das Auditorium tief betroffen.

„Am glücklichsten ist der Mensch, wenn er philosophiert.“ Mit diesem Zitat von Aristoteles eröffnete Karlheinz Töchterle, Bundesminister für Wissenschaft und Forschung, das 16. Philosophicum in Lech am Arlberg. Rund 500 Gäste – allen voran Vorarlbergs Landeshauptmann Markus Wallner und der Bürgermeister von Lech, Ludwig Muxel – waren mit dabei, als am Donnerstagnachmittag die ersten Referate und Diskussionen in der neuen Pfarrkirche stattfanden. Das renommierte interdisziplinäre Symposium unter der wissenschaftlichen Leitung des Philosophen Konrad Paul Liessmann zählt zu den wichtigsten philosophischen Veranstaltungen im deutschsprachigen Raum. Und schon am ersten Tag wurde das Philosophicum diesem Ruf wieder mehr als gerecht. Einmal mehr wusste Liessmann die Gäste mit seinen Ausführungen zu begeistern. In seiner Eröffnungsansprache brachte er die Fragestellung des diesjährigen Philosophicum auf den Punkt: „Die Ausrottungspolitik auf der einen Seite und die industrielle Tiernutzung auf der anderen Seite gehen nicht nur weiter als bisher, sondern scheinen sich auch noch zu intensivieren. Das Tier, so könnte man sagen, bleibt, gerade in seinem Verschwinden und in seiner erbarmungslosen Reduktion auf seinen Nährwert und Materialstatus, eine einzige Provokation für jenes Tier, das sich von allen anderen Tieren dadurch unterscheidet, dass es sich manchmal kokett als Tier bezeichnet.“

Magna-Impulsforum – Tierschützer vs. Tiernützer

Als Sponsor des Philosophicum lud die Firma Magna am Donnerstagnachmittag zum Impulsforum unter dem Titel „Der Gebrauch der Tiere“, bei dem zwei Welten aufeinanderprallten. Nach dem Eingangsreferat von Magna Europe Präsident Günther Apfalter diskutierten der bekannte Tierschützer Martin Balluch und die Vegetarismus-Autorin Karen Duve auf der einen Seite mit dem Vorstandsvorsitzenden der fleischverarbeitenden Tönnies Unternehmensgruppe, Clemens Tönnies, sowie dem Vorarlberger Wildökologen Hubert Schatz auf der anderen Seite. NZZ-Redakteur Uwe Justus Wenzel führte durch die teils emotionale Diskussion. Wie zu erwarten trafen mit den beiden Lagern unvereinbare Ideologien, was den Umgang mit Tieren betrifft, aufeinander. Während Balluch und Duve von einem neuen Ethikverständnis sprachen, das den Standpunkt der Tiere als gleichwertig miteinbezieht, versuchten Tönnies und Schatz den Gebrauch von Nutztieren in der Wirtschaft zu begründen. Am Ende blieb trotz aller Unvereinbarkeit der Standpunkte die optimistische Vision Balluchs: „Unsere Gesellschaft steckt in einer Entwicklung, die hin zu mehr Tierfreundlichkeit geht.“

„Wir könnten anders als die Tiere sein, zu Gunsten der Tiere“

Unumstrittener Höhepunkt des Eröffnungstages beim 16. Philosophicum in Lech am Arlberg war die ebenso emotionale wie außerordentlich fundierte Rede des Psychotherapeuten und Theologen Eugen Drewermann. Unter dem Titel „Der tödliche Fortschritt oder Wir brauchen eine neue Ethik“ ging Drewermann der Frage nach, warum der Mensch jegliche Fähigkeit zur Empathie gegenüber Tieren verloren zu haben scheint und wie er diese zurückgewinnen könnte. Letzteres sei für ihn klar: „Wir brauchen eine neue Ethik, weil unsere bisherige zu sehr auf den Menschen ausgerichtet war.“ Die Menschheit habe die Natur auf fatale Weise säkularisiert, sie zum reinen Kostenfaktor degradiert, der nur nach den Parametern Gewinn und Verlust gemessen und bewertet wird. Das Göttliche, das der Natur und den Tieren innewohne, sei in der Wahrnehmung des Menschen längst verloren gegangen, weshalb ihm auch jegliche Empathie fehle: „Unsere Logik ist falsch, weil sie nur dem Kapital verpflichtet ist.“ Drewermann ging auch mit dem Christentum hart ins Gericht, dem er ob seines Anthropozentrismus eine Mitschuld am verheerenden Verhältnis zwischen Mensch und Tier gibt: „Die Bibel hat nur dieses anthropozentrische Weltbild. Eine Ethik, die Rücksicht auf die Tiere nehmen würde, findet man in der Bibel nicht.“ Er bemühte in diesem Zusammenhang ein Zitat von Schopenhauer, der sagte: „Die Erde ist für Tiere die Hölle und die Menschen sind ihre Teufel.“ Drewermann illustrierte seine Ausführungen zum Ungleichgewicht im Verhältnis zwischen Mensch und Tier mit zahlreichen aktuellen Beispielen, was die Zuhörer sehr betroffen hinterließ. Letztlich sei die rücksichtlose Ausbeutung der Natur und damit auch der Tiere eine unvermeidbare Folge der kompromisslosen Verwertungslogik des Kapitalismus: „Die Tiere haben keine Chance mehr. Wer heute etwas der Natur schützen will, muss sie kaufen und besitzen. Manche meinen zu Recht: Wir brauchen keine neue Ethik; sondern überhaupt eine Ethik. Der Kapitalismus hat keine Messfühler für Gewissen und Verantwortung.“ Den einzigen Weg aus der Misere sieht Drewermann in einem radikalen Umdenken. Für seine mitreißende und berührende Rede erhielt Drewermann minutenlangen Applaus und Standing Ovations, manche Zuhörer hatten sogar mit den Tränen zu kämpfen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s