Philosophicum 2012: Gedanken über „Menschen und andere Tiere“

Der Freitag stand beim interdisziplinären Philosophicum in Lech ganz im Zeichen der Naturwissenschaften und der Kunst. Passend zum diesjährigen Generalthema „Tiere. Der Mensch und seien Natur.“ wurde am Vormittag die Frage erörtert, ob und inwiefern sich der Mensch vom Tier unterscheidet. Nachmittags beleuchtete unter anderem Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder, welche Rolle Tiere in der bildnerischen Kunst und Literatur spielen.

Der Mensch und andere Tiere

Zum Auftakt des zweiten Symposiumtages referierte der Schweizer Philosoph und Germanist Markus Wild zum Thema „Der Mensch und andere Tiere – Überlegungen zu einer umstrittenen Redeweise“. Wild plädierte dabei für eine zoologische Wende in der philosophischen Anthropologie. Er trat in seiner Rede den Beweis an, dass der Mensch sehr wohl ein Tier sei. Denn, so Wild: „Den Mensch allein aus seiner Rationalität heraus zu erklären greift zu kurz: Was sind dann all jene Menschen, denen diese Fähigkeit zur Rationalität fehlt?“ Seine These mündete im Animalismus, den er so erklärte: „Animalismus ist eine These darüber, was wir sind, im ontologischen Sinn. Die These lautet: Jeder Mensch ist mit einem Tier identisch, er ist ein Tier. Mensch ist aber nicht Tier plus x, sondern jeder Mensch ist ein Tier.“ Evolutionsbiologin Andrea Grill führte im Anschluss daran aus, was ein Tier aus Sicht der Naturwissenschaftlerin ist. Ihr Referat unter dem Titel „Was ist ein Tier? Zur Erfindung des Haustiers“ zeigte auf, wie beschränkt unsere Sicht auf die Tierwelt in Wahrheit ist: „Wenn wir an Tiere denken, denken wir an etwas, das Fell oder Federn hat, ein charmantes Wesen mit großen Augen, das sich angreifen lässt, wenn es uns beliebt. Das sind aus zoologischer Sicht die Rosinen, aber der ganze Kuchen bleibt unerwähnt.“ Die Evolutionsbiologin zeichnete zudem die Geschichte der Haustiere nach, die mit der Domestizierung von Hund und Katze begonnen hat. Zahlreiche weitere Tierarten folgten. Erst waren sie vor allem Nahrungsquelle, dann Nutztiere zur Arbeitserleichterung. Erst mit dem Aufkommen der Maschinen lösten diese die Nutztiere vielfach ab und viele Nutz- wurden zu Haustieren. Grill zeigte auf, wie groß die Bandbreite an Arten in Wahrheit ist. Und sie hielt zudem unmissverständlich fest: „Der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist eigentlich Fiktion.“ Die konstruierten Abgrenzungen des Menschen zum Tier seien letztlich hinfällig, so Grill: „Wir sind nicht das Tier, das Werkzeuge herstellt, sondern das Tier, das Sinn herstellt.“

Tiere in der Kunst

Die Referenten des Nachmittages beschäftigten sich mit der Darstellung und Rolle der Tiere in der Kunst. Die Germanistin und Literaturkritikerin Daniela Strigl erörterte dies anhand plakativer Beispiele wie Krambambuli oder Moby Dick. Ihre These lautete: „Die Nähe zum Tier soll in der Literatur oft für ein besseres Menschentum stehen.“ Die Erscheinungsformen animalischer Protagonisten sind dabei mannigfaltig: vom sprechenden Helden bis zum treuen Gefährten. Doch letztlich schob Strigl aller Interpretation einen unverrückbaren Riegel vor: „Was uns das Tier als Lehrmeister über die Welt zu sagen hat, das hat ihm immer sein Autor eingesagt.“ Ebenso vielfältig und vieldeutig sind die Erscheinungsformen von Tieren in der bildnerischen Kunst. Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder zeigte im Rahmen seines Vortrages auf, welche Rolle das Tierstilleben in der Malerei seit Dürers berühmtem Feldhasen spielte und immer noch spielt. Ist doch Schröders Albertina Hüterin dieses berühmtesten aller Tierbilder. Die Tiere in der Malerei zum Thema zu machen, hatte mitunter auch Einfluss auf das Verhältnis zwischen Mensch und Tier, so Schröder: „Die Grausamkeit der Massentierhaltung wird heute etwa von niemandem so eindrücklich angeklagt wie von Damien Hirst.“ Die Künstler stellen für Schröder in dieser Hinsicht eine Avantgarde dar: „Die Großen der Kunst sahen schon lange vor den modernen Wissenschaftlern etwas im Tier, das wir erst heute verstehen.“

In der abschließenden Podiumsdiskussion zum Thema, die vom Chefredakteur der Tageszeitung „Die Presse“, Michael Fleischhacker geleitet wurde, waren sich Strigl und Schröder einig: Das Tier in der Kunst ist so wie der Mensch in der Kunst – ein schier unerschöpfliches Thema.

16. Philosophicum Lech: Eugen Drewermann fordert „neue Ethik im Umgang mit Tieren“

Schon der Auftakt des 16. Philosophicums in Lech am Arlberg bot eine ganze Reihe hochkarätiger Referate und Diskussionen zum diesjährigen Generalthema „Tiere. Der Mensch und seine Natur.“ Bundesminister Karlheinz Töchterle, Vorarlbergs Landeshauptmann Markus Wallner sowie Philosoph und Gastgeber Konrad Paul Liessmann eröffneten das interdisziplinäre Symposium, bei dem sich von 19. bis 23. September 2012 führende Denker zum Meinungsaustausch treffen. Der unumstrittene Höhepunkt am Donnerstag war die berührende Rede des Theologen und Psychotherapeuten Eugen Drewermann. Sein eindringlicher Appell zu einer neuen Ethik im Umgang mit Tieren, hinterließ das Auditorium tief betroffen.

„Am glücklichsten ist der Mensch, wenn er philosophiert.“ Mit diesem Zitat von Aristoteles eröffnete Karlheinz Töchterle, Bundesminister für Wissenschaft und Forschung, das 16. Philosophicum in Lech am Arlberg. Rund 500 Gäste – allen voran Vorarlbergs Landeshauptmann Markus Wallner und der Bürgermeister von Lech, Ludwig Muxel – waren mit dabei, als am Donnerstagnachmittag die ersten Referate und Diskussionen in der neuen Pfarrkirche stattfanden. Das renommierte interdisziplinäre Symposium unter der wissenschaftlichen Leitung des Philosophen Konrad Paul Liessmann zählt zu den wichtigsten philosophischen Veranstaltungen im deutschsprachigen Raum. Und schon am ersten Tag wurde das Philosophicum diesem Ruf wieder mehr als gerecht. Einmal mehr wusste Liessmann die Gäste mit seinen Ausführungen zu begeistern. In seiner Eröffnungsansprache brachte er die Fragestellung des diesjährigen Philosophicum auf den Punkt: „Die Ausrottungspolitik auf der einen Seite und die industrielle Tiernutzung auf der anderen Seite gehen nicht nur weiter als bisher, sondern scheinen sich auch noch zu intensivieren. Das Tier, so könnte man sagen, bleibt, gerade in seinem Verschwinden und in seiner erbarmungslosen Reduktion auf seinen Nährwert und Materialstatus, eine einzige Provokation für jenes Tier, das sich von allen anderen Tieren dadurch unterscheidet, dass es sich manchmal kokett als Tier bezeichnet.“

Magna-Impulsforum – Tierschützer vs. Tiernützer

Als Sponsor des Philosophicum lud die Firma Magna am Donnerstagnachmittag zum Impulsforum unter dem Titel „Der Gebrauch der Tiere“, bei dem zwei Welten aufeinanderprallten. Nach dem Eingangsreferat von Magna Europe Präsident Günther Apfalter diskutierten der bekannte Tierschützer Martin Balluch und die Vegetarismus-Autorin Karen Duve auf der einen Seite mit dem Vorstandsvorsitzenden der fleischverarbeitenden Tönnies Unternehmensgruppe, Clemens Tönnies, sowie dem Vorarlberger Wildökologen Hubert Schatz auf der anderen Seite. NZZ-Redakteur Uwe Justus Wenzel führte durch die teils emotionale Diskussion. Wie zu erwarten trafen mit den beiden Lagern unvereinbare Ideologien, was den Umgang mit Tieren betrifft, aufeinander. Während Balluch und Duve von einem neuen Ethikverständnis sprachen, das den Standpunkt der Tiere als gleichwertig miteinbezieht, versuchten Tönnies und Schatz den Gebrauch von Nutztieren in der Wirtschaft zu begründen. Am Ende blieb trotz aller Unvereinbarkeit der Standpunkte die optimistische Vision Balluchs: „Unsere Gesellschaft steckt in einer Entwicklung, die hin zu mehr Tierfreundlichkeit geht.“

„Wir könnten anders als die Tiere sein, zu Gunsten der Tiere“

Unumstrittener Höhepunkt des Eröffnungstages beim 16. Philosophicum in Lech am Arlberg war die ebenso emotionale wie außerordentlich fundierte Rede des Psychotherapeuten und Theologen Eugen Drewermann. Unter dem Titel „Der tödliche Fortschritt oder Wir brauchen eine neue Ethik“ ging Drewermann der Frage nach, warum der Mensch jegliche Fähigkeit zur Empathie gegenüber Tieren verloren zu haben scheint und wie er diese zurückgewinnen könnte. Letzteres sei für ihn klar: „Wir brauchen eine neue Ethik, weil unsere bisherige zu sehr auf den Menschen ausgerichtet war.“ Die Menschheit habe die Natur auf fatale Weise säkularisiert, sie zum reinen Kostenfaktor degradiert, der nur nach den Parametern Gewinn und Verlust gemessen und bewertet wird. Das Göttliche, das der Natur und den Tieren innewohne, sei in der Wahrnehmung des Menschen längst verloren gegangen, weshalb ihm auch jegliche Empathie fehle: „Unsere Logik ist falsch, weil sie nur dem Kapital verpflichtet ist.“ Drewermann ging auch mit dem Christentum hart ins Gericht, dem er ob seines Anthropozentrismus eine Mitschuld am verheerenden Verhältnis zwischen Mensch und Tier gibt: „Die Bibel hat nur dieses anthropozentrische Weltbild. Eine Ethik, die Rücksicht auf die Tiere nehmen würde, findet man in der Bibel nicht.“ Er bemühte in diesem Zusammenhang ein Zitat von Schopenhauer, der sagte: „Die Erde ist für Tiere die Hölle und die Menschen sind ihre Teufel.“ Drewermann illustrierte seine Ausführungen zum Ungleichgewicht im Verhältnis zwischen Mensch und Tier mit zahlreichen aktuellen Beispielen, was die Zuhörer sehr betroffen hinterließ. Letztlich sei die rücksichtlose Ausbeutung der Natur und damit auch der Tiere eine unvermeidbare Folge der kompromisslosen Verwertungslogik des Kapitalismus: „Die Tiere haben keine Chance mehr. Wer heute etwas der Natur schützen will, muss sie kaufen und besitzen. Manche meinen zu Recht: Wir brauchen keine neue Ethik; sondern überhaupt eine Ethik. Der Kapitalismus hat keine Messfühler für Gewissen und Verantwortung.“ Den einzigen Weg aus der Misere sieht Drewermann in einem radikalen Umdenken. Für seine mitreißende und berührende Rede erhielt Drewermann minutenlangen Applaus und Standing Ovations, manche Zuhörer hatten sogar mit den Tränen zu kämpfen.